Memento (von Mascha Kaleko)

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
— Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muss man leben.

Mascha Kaléko
(danke Bettina)

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Dazwischen Stille

Ich kann ihn nicht sehen
den Bären, den Wolf,
die Schreckgestalt,
die ich dir bin.
Im Auge des Sees
schwarz spiegelt darin
das Auge des Sturms
sich im Sinn.

Lass den Wind verlöschen
und im Regen verwehn,
im Bau sich
das Feuer versteckt.
Die Augen geschlossen
knistern verstimmt
die Tropfen im
Silbergespinn.

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Aderlass

Abschütteln
Fallen lassen
Wieder hoch holen
Mein Lungenflügelspitzen ausbreiten
Mir mein eigenes Blut ins Herz injizieren
Das Korsett aufschnüren
Mich inhalieren

Im Jungbrunnen blutjunger Sekundenblüten die Lust auf ein Luftmolekül anhalten
Die Vorhaut zurückziehen bis zu den Vorfahren,
um das verfahrene Verfahren bis zur Unendlichkeit zu verlangsamen
vom Verlangen abgelenkt hab ich mich im Feldversuch verfahren.

Im Fahrtwind fällt es mir langsam auf, dass du mich leckst,
der Lenker fällt mir aus der Hand in den Schoß
und der Nachschub schießt ein wie Zucker…

Süß und gelenkig, denk ich mir leise und lassen das Lauschen verklingen
Felder voller Väter so weit das Auge reicht.

Fall ich in das Mädchenmeer, berauscht von euren Händen, flauschig –
das ist nicht mein Magen der knurrt, das kommt aus der Tiefe.

handzahm, samtweich, nackt Füße wandern nebenher knapp zwei Strand weit, willst du mit mir nach unten gehen? lass mich dir unterlegen sein, ich leg mich in deine Zähne, mit einem Radschlag, pfauenfederweiche Bisse, wie ein Schraubstock schleichst du dich zwischen meine Beine, oder Hände, oder im luftleeren Raum

Ertrinken, könntest du mir was zum Ertrinken holen, ich brauch Salz auf meinen Lippen, lass Küsse über deine Rücken rieseln, zwischen riesigen Kieseln ruht mein Herz für ein Stunde aus, während sie stellvertretend auf ihren Po schlägt, im nackten Pulsschlag, vier oder mehr Viertel, oder die Melodie von November Rain

Federweich fahren meine Finger durch die Achsel der Welt,
verstecke mich zwischen euren nackten Körpern, zwischen euren nackten steinrunden Stößen, und Beugungen, klammer ich mich an die Hoffnung, der Mast, der ewig sprudelnde Quell.

Jungbrunnen – Fahrtwind – Mädchenmeer – Schraubstock – Pulsschlag – November Rain

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Neue Zweifel – Fragen an das Leben

Was sind Bücher anderes als Pixelstaub und totes Holz voller Zeichen, von denen ich eh nur einen Bruchteil verstehe? Warum faszinieren mich abstrakte Konzepte mehr als das echte Leben? Wem versuche ich hier den Intellektuellen vorzuspielen, was will ich beweisen?

Ist alles das was ich lese, mein ganzer Beruf, nicht nur Sehnsuchtsrest aus einer Zeit in der ich nicht wusste wie leben geht? Ersticke ich langsam an Virtualität? War ich nicht zu Beginn meines Lebens nur Liebe und Neugier?

Wo sind die Tiere hin? Wohin die Fabelwesen? Wo ist der Wald hin? Wohin das unbeschwerte Forschen und Wandern?

Wo sind die Punker hin? War da nicht mal was? Unschuldig Verliebtsein?

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Aprilgefühle

Die Wolken sind weitergezogen
windstill haben sich weiche Fäden
in meine harte haut gewoben
hab geweint und gewartet,
und gewusst, das er kommt,
der luftsprung, der Umschwung,

bin barometerweise vorwärtsgerobbt,
hab immer wieder an den ecken der Luftschlösser gezogen,
hab immer wieder an die flachen glasscheiben geklopft,
bis mein Herzklopfen aufgeklappt ist und du rausgefallen kamst,
neue, alte, neugeborene, alt gewordene Welt

nur einen Windstoß entfernt vom endgültigen Neuanfang,
steck ich Stich um Stich, die Puzzleteile in die Frühlingsreife Erde,
und warte bis aus den Regentropfenaugen Eisblumen sprießen,
wie das Echo deiner weggewehten Wärme.

es war dieser Spiegelkabinettmoment, als ihr auf einmal alle da wart,
orgasmus für orgasmus fallen mir die Schneeflocken von den Augen,
zieh ich mir die zähne aus dem herzen, zögere ich mich zum Wellenhöhepunkt,
verschenke meine frischgeschnürten Handschuhe in Unschuld,
bis die Metaphern übernanderstolpern, wie ungeschickt liebesbriefe

ich fange an die Augenblicke reihenweise wegzuwerfen,
tasten, drücken bis die Facetten der Momente glitzern,

mit der Zunge voran ins Taubnesselfeld,
niemals der Nase nach, lieber dem Kompass,
noch eine Karte ziehen, Herzdame, Höhenlinie,
und vom schmalen Grat des 5 Meter Bretts in die Aufrichtigkeit eintauchen:

ich kenne dich nicht, magst du auch einen Kuss?

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another om

mein schwanz zieht sich in meinen schoß zurück,
ich schlage meine hoden übereinander wie beim schneidersitz.

der funke verlässt nicht meine finger.
ich lächle, ich blicke, ich schwinge innerlich,

doch kein feuer brennt.
niemand tanzt.

mein bewusstsein ejakuliert eine steigende kurve gefühl,
dein einer knopf drückt 10 knöpfe;
auf meiner fingerspitze spür ich sie spröde tasten.

deine stimme bröckelt, keine geige – nur ein monochord.                                                          nach dem testbild – die nationalhymne: es gab einen moment

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verqueere Momente

Wenn man mit Feminst_innen auf eine SM-Party geht, dann gibt es manchmal verqueere Momente, vor allem wenn man sich hinterher wenn es weh tut, versucht darauf zu einigen, was eigentlich passiert ist.

etwas düsterer und wehleidiger als gewollt, aber trotzdem genauso wenig wahr:

dein #aufschrei hallt durch die fasern meiner finger,
auch wenn meine pfote sich festkrallt in der tastatur
versuch ich zu flüstern:

ich bin keine bärenpranke, ich bin kein pferdehufschlag…
ich bin nichts was du denkst, weil ich weiß, du kennst mich nicht
und trotzdem schlägt mir dein herzmuskel ins gesicht

ich mag dich gern, aber ich trag dich nicht, denn ich bin nicht gepanzert,
ich bin spinnenseide – kein netz sondern faden, zuckend, glitzernd.

mit mir ist kein ameisenstaat zu machen, ich geh meine eigenen wege
ich bin die biene von blüte zu blüte, bin die motte von licht zu licht
ich bin ein kein glühwürmchen von geburt, ich bin die hummel,
die mühsam leuchten gelernt hat, was sie vorher noch nicht konnte,
genauso so wie fliegen, genauso so wie du

mein verletzter leuchtturmwärter

mit mir ist kein ameisenstaat zu machen, der schwänzeltanz ist mir zu weihrauchbehangen,
mea culpa, mea maxima culpa, ich tanz ihn nicht mehr,
auch nicht in der purpelize hiphop-house fassung für die nachgeborenen

hab ihn mir schon mit der letzten frau aus dem herzen gewaschen,
weil er mich wegträgt in den ewigneuen fluss der vorwurfsvollen gedanken

ich will, dass verletzungen passieren, will den sauerstoff des zusammenpralls atmen,
und will spüren, dass ich nicht der einzige bin der lebt

ich will deine eigenen worte hören, aus dem herzen gepresst, in die luft gespuckt

dann ist dein schmerz ist schon lange zu worthülsen getrocknet am nächsten morgen,
doch in mir wirkt der rückstoß weiter, weil du mich forttreibst ins vakuum – zwischen uns

ach schmetterling, ich verführ mich doch nur, bitte berühr mich – nicht halbherzig,
ich will gemeint sein, ich will nicht leugnen das gemein-sein zu genießen,
tief in meinem verletzlichen schwanz steckt eine femme fatale…

und was ich erzähle ist nur die hälfte, die ich bedeute,
weil ich mich tagtäglich häute um wieder ich zu sein,
und nicht nur ein revolutionär vor einer flatternden neonbeleuchtung

ich verkriech mich in mein wespennest,
mit mir ist kein ameisenstaat zu machen, ich bin dein schmetterling,
also kommt aus dem kokon und koste den honig der gegenwärtigkeit

und nimm die kontaktscheuen linsen ab, die du trägst,
der facettenblick der tränen stehen dir besser zu gesicht.
zeig mir deinen skorpion, dann zeig ich dir meinen.

das bedeutet menschlichkeit für mich.

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