Idee Performance

Zögernd betritt sie den kleinen Trampelpfad, der sich durch das hohe Gras an die Rückseite der verfallenen Fabrikhalle schlängelt. Ihr ist dabei mehr als etwas mulmig zumute, als sie durch das Loch im Zaun auf die schwere Metalltür des grauen Betonturmes zusteuert. Immer wieder fährt sie mit ihren Händen über das raue Büttenpapier des Einladungsschreibens. Zweifach gefaltet, eine zart geschwungene rote Handschrift, ein getrocknetes Schilfblatt zwischen den Seiten. Unsicher schleppt sie sich, den Kreidepfeilen an den Wänden folgend nach oben.

Die kalte kantige Weite des aufsteigende Treppenhauses mündet in einen Raum. Über einen Stuhl hängt Kleidung, eine Hose, ein Hemd, zwei Socken, eine Boxershort. Alles sorgsam zusammengefaltet. Daneben eine Kamera und ein Zettel: Zieh dich aus! Eingefangen von der Magie der Installation folgt sie der Anweisung.

Auf der Rückseite des Zettels entdeckt sie eine weitere. Ab sofort schweigst du! Wen auch immer du triffst, du wirst nicht mit ihm sprechen! Du wirst auf Entdeckungsreise durch diese Ruine gehen, versuche an diesem Ort die ganze Leere deiner Existenz zu spüren, sie für dich greifbar zu machen. Kälte, Stein, Beton, Schlamm. Saug alle Erfahrungen, alle Bilder, alle Sinnesreize in dich ein. Was du nicht mit deinem Körper, nicht mit deinem Verstand festhalten kannst, das erfasse mit der Kamera. Spiel mit den Möglichkeiten, die dir dieser Ort bietet. Du bist völlig allein. Unbeobachtet. und frei! Was auch immer passiert, es passiert aus dir selbst. Jede Bewegung, jedes Um-Sich-Schlagen, jedes Tanzen, jede Berührung, jeder Schrei. Es gibt keine Grenze. Alles ist erlaubt… Und alles was bleibt sind deine Bilder…

Wintergarten, drinnen eine Bibliothek

touch, touch, touch,
toshou__
touche! x ich lass die
tusche vom herz in die hände fließen
x werd den klappen-
text vom einband
in die erste beiden
bände gießen
x dass
von den buchdeckeln
blätter &
von den wänden sprießen
& zwischen
diesen
zwischen-
wänden

werden Gedanken, deren Spuren im Dickicht der räume schwer zu folgen ist,
zwischen-
zu blüten
aufgefaltet:
Seelen-
Origami

Randzone Friedhof: Aus den Gärten an der Peripherie:

Selten treffe ich Menschen ausserhalb von Momenten

die Überlappung von Stimmen in der U-Bahn, in Gesprächen verborgene Wortschätze
die Überlappung von Schweigen in der Galerie, in schwarzer Ölfarbe auf 79×79 cm fixiertes Satori
die Überlappung von Körpern beim Orgasmus, in Neurotransmittern codierte Verzückung

Doch schon nach wenigen Augenblicken ist die Farbe getrocknet und ich kehre auf die Leinwand zurück – goodbye Mona Lisa

aus der Sinuskurve der Begegnung, mit einem Herzschlag! schlagen wir zurück in die Redundanz von Alltag,

eine Allee von Plakaten. Nächster Treffpunkt: Sonnenfinsternis

Fünf Brüder

Aus Hiob Montag„Aufzeichnungen über die Familie“

Mein ältester Bruder Andres, war mir lange Jahre der einzige Vertraute. In der Aussenwelt teilten wir uns das Schicksal des Zigeuners, des Leprakranken, des Omega-Tieres, des Sündenbocks. Nach Innen verband uns die Phantasie, der kindliche Traum von der ritterlichen Liebe und die Sehnsucht nach nackter Weiblichkeit, Trugbilder aus den Weiten der Spinnennetze, die damals erst im Enstehen waren. Nächtelang lauschten wird den bizarren Klängen von metallenen Saiten, Lieder wie „Novemberregen“ oder „Der Mann der die Welt verkauft“. Unser Ort war der Spielpaltz, der Garten, der locus aemoenus, auf dem Marschberg, hinter dem Haus, am Bach.

Bald folgte dem Bruder ein zweiter, unsre Mutter war großzügig beschenkt. Sie nannte ihn Janosch.
Er unterschied sich von uns anderen vorallem durch sein ruhiges Gemüt. Er war weniger umtriebig und hatte wohl am wenigsten Glück bei den Frauen, was ihm aber auch viel Kummer und Leid ersparte, das wir – Andres und Ich – auf unseren Fahrten und Zeltlagern, die wir damals zu dritt unternahmen, erleiden mussten. Und bildet der ruhige Jan, wie wir ihn im Scherze manchmal nannten, den Ausgleich zu unserer inneren Unruhe und einen Stützpfeiler der ganzen Familie. Unser Ort war das Haus hinter der Kirche, auf dem Judenberg, wo wir uns immer trafen, vor jeder Reise hinaus in die Welt.

In ganz anderer Art und Weise lieb ist mir mein dritter Bruder: Leif. Nachdem Andres uns verließ, um sein Glück in der Welt zu machen, erkoren wir beide die Nacht zu unserem Revier. Man fand uns entweder in der Kneipe bei Bier und Gitarrenmusik, oder im Keller auf dem Tanzboden, tanzend verstrickt in den Fäden der Musica Electrica. Ausserdem verbindet uns seitdem die Leidenschaft für das Kartenspiel, auch wenn seinem analytischen Geist mein, zugeben, selten durchdachtes, impulsives Spiel meistens unterliegt. Auch in der Liebe ist er im Gegensatz zu mir durch Beständigkeit erfolgreich, die erste Braut, die er hatte, Emilia – ein quirliges Mädel mit einem vorlauten Mundwerk – ist immer noch an seiner Seite, die beiden sind wie für einander geschaffen, fast beneidenswert.

Meinem jüngsten Bruder, Fritzchen, wie ich ihn manchmal spöttisch heiße, bin ich auf ganz besondere Weise verbunden. Neben der Liebe zur Schwärmerei, zur Minne und zur unglücklichen Verliebtheit, überbrückt den Altersunterschied unser beider Begeisterung für die Dichtkunst, auch wenn er sie vor kurzem zu Gunsten der Malerei aufgegeben hat. Sowie ich ihn auf dem Papier mit der Feder überflügle, übertrifft er mich an Anziehnungskraft beim schönen Volk. Denn so ähnlich wir uns im Geiste sind, sov erschieden sind wir im Wesen. Ich bin ein belesener Denker, ein Gelehrter und betrachte die Ströme des Schicksals mit gleichgültigem, distanziertem, wissenschaftlichen Interesse, er jedoch ist jugendlich, impulsiv und versteht sich als Krieger, gestreng zu sich selbst und moralisch allzu integer, er verstrickt sich im Widerstand gegen den dunklen Teil seiner Seele und seiner Geschichte, die Andres und meiner zu sehr ähnelt.

Janus

Mein Name ist Janus Zwillingsgestirn,
ein Gesicht an jeder Seite,
egal wie des Schicksals Münze fällt,
ich bin darauf vorbereitet

Zu Unrecht heißt ihr mich Wendehals,
Wortverdreher und Lüger.
Ich schau aus dem Spiegel auf euch herab,
eure Unwissenheit macht mich klüger

Nur weil immer ehrlich bin,
nicht wie ihr, nennt ihr mich verlogen?
Ich treib es mit dem Lauf der Welt
und hab mich noch nie verbogen.

Ich handle immer wie ich fühl’
bin von Höflichkeit nicht verzogen
und ist das Gefühl auch schon nicht mehr wahr
wie ein Schmetterling verflogen

So spiele ich mal schwarz, mal rot
und mal die großen Zahlen.
Und wer nicht aufrecht leben will,
wird vom Roulette zermahlen.

Erst wird er vom Steppenwolf zerissen,
dann schließ ich ihn in mein Herz
heiß Peter Pan, komm flieg mit mir,
erst auf den Aufprall folgt der Schmerz.

Lerne es zu genießen,
dass das Dornenrad sich dreht,
während in seiner Mitte
ein Sternbild funkelnd steht.

Sein Name ist Janus, ein Zwillingsgestirn,
ein Leuchten an jedem Ende,
egal welcher Sternschnupp’ vom Himmel fällt,
du weisst das die Zeit sich wendet.

Auf Sturm da folgt der Sonnenschein
auf Frühling folgt der Winter
so spiel ich das Spiel Tag aus, Tag ein,
nichts Böses steckt dahinter

Zwei Augen

Ein Augenblick, ein zartes Braun, ein Funkeln schlägt nach meinem Sinn

und mich in Bann

Ein Windhauch – fort das scheue Reh, wo bist du hin?

Unter meiner dünnen Haut entflammt mit einem Mal die blut’ge Luft
Wie Strom beginnt das Uhrwerk mir zu flimmern,
Erinner mich an Schnee und Lachen, deine Augen…

Und schlag im Lebensbuch, die nächste Seite auf…

Im dunklen Tann

Früh am Morgen aus den dunklen Tannen heben weise Schleier sich ans Licht
vom fernen See den Frühnebel zu bannen, ehe Novembersonne hell durchbricht
die kalten, weiße Wolkendecken, dem Zelt ein Wandersmann entsteiget,
klaubt sich vom Sack, Gesträuch und Zecken, und wie sein drückend Gähnen zeiget

wie Axt klopft’s in den Ohren ihm, war abends wohl zu schwer der Tee
oder doch zu lange die Reise, vom Schwarzwald an den Silbersee
Von Burg Kirneck zog er zum Markt, zur Messe auf Burghasungsberg,
am Teich da brennt der Köhler Jan, der kleine schwarze Schwätzerzwerg

Wieso denn bloß, wie so denn bloß? schallt Feenstimme durch den Wald
zwischen Farn und Brombeerstrauch, der Räubertochter’s Stimme schallt
ein Lächeln packt da den Gesellen, grad schwärmt er noch von Weit und Welt
und kehrt zurück zur Zauberhexe in sein kleines schwarzes Zelt

Und die Moral von der Geschicht, habt Burschen acht bei Abendtanze?
nein Gregor, Wandersmann stirbt nicht, ihr fragt euch dann, was soll das Ganze?
Was soll ich fahren auf die Walz, als Spielmann ziehen durchs weite Land
Im Heim am Herd aus Zauberkräutern braut besten Wein die schmale Hand

Aus dem dunklen Brunnen

Ja, du bist ein Monster, und ich hab dich dazu gemacht,

Zähne, Krallen, harte Worte, aus der Finsternis der Nacht!

Weiche, wehe, wildes Tier, das ich mit Panik in den Augen sah,

bleibt fern, weit weg und fort von mir, komm mir ja nicht zu nah!

Die Tage deiner Kindheit, sie waren wohl voll großem Schmerz,

durch deiner Eltern Eiseskälte, erfroren ist dein kleines Herz,

warum hab ich das nicht gesehen, warum hab ich das nicht gespürt,

und dich ohne große Liebe, nur aus Leidenschaft verführt?

So treibst du tot, nur leise atmend, durch das Weltenmeer,

und jagst dort deinen Träumen, Illusionen hinterher…

ich bin ein Frosch mit goldner Kugel, jedoch kein Königssohn,

du bist nicht Schneeweiß, Schwarz, Rosenrot, ja das weiß ich nun,

du bist eine bleiche Königin, verstoßen von ihrem Thron

hab dich geliebt, nach dir getreten, wie konnt ich das nur tun?

Ich bin

Sieben Menschen

Ein Viertel von mir kann wunderbar kochen,

Ein Viertel von mir hat die Heimat verloren,

Ein Viertel von mir ist ein geschickter Geschäftsmann,

Ein Viertel von mir sammelt und hortet Papier.

Ein Viertel von mir hat ein fröhliches Lachen,

Ein Viertel von mir ist mir immer ein Rätsel,

Eine Hälfte von mir verliert sich in seinen Träumen,

Eine Hälfte von mir wirft sich selbst achtlos weg.

Ein Viertel von mir bewahrt die alten Geschichten,

Ein Viertel von mir ist nur der Sohn eines Sohns,

Eine Hälfte von mir ist ein starker Mann und Vater,

Eine Hälfte von mir verletzt und tut weh.

Ein Viertel von mir opfert sich auf für die Andren,

Ein Viertel von mir kämpft einen schweren Kampf,

Ein Viertel von mir ist Dichter und Denker,

Ein Viertel von mir erschafft Bildwerk, wunderschön.

Ein Viertel von mir löst jedes noch so schwere Rätsel,

Ein Viertel von mir wurde von zu Hause vertrieben,

Eine Hälfte von mir ist bei sich selbst angekommen,

Eine Hälfte von mir baut ein goldenes Gefängnis.

Ein Viertel von mir ist Prediger für das Gute,

Ein Viertel von mir ist ein Held bei all seinen Frau’n,

Eine Hälfte von mir liebt mich ohne zu hinterfragen,

Eine Hälfte von mir ist furchtbar naiv- die Unschuld in Person?

Entwurf Neues Bundeslied

Allzeit bereit, nen kurzen Spruch, als Vorbild ich mir nehm,

ich schreib ihn auf, denk drüber nach, sei er auch unbequem

Geb diesem Leben Zweck und Ziel, hab Freunde weit und breit

beim heilger Ernst, beim frohen Spiel, allzeit, allzeit bereit!

Allzeit bereit, ich werd nicht zu fliehn, die Augen nicht verschließen

lass vom Leben mich nich runten ziehn, werd den Gegenwind genießen

Nach meinen eig’nen Wegen suchen, Friede, Frei- und Ehrlichkeit

lächelnd streiten, selten fluchen, allzeit allzeit bereit

Allzeit bereit, wahr ist mein Mund, unwandelbar die Treu,

ein gutes Herz, ein fester Bund und Umgang ohne Scheu.

Auf Lager und Fahrt, aller Ort, da bin ich jederzeit,

drauf gab ich euch mein Ehrenwort allzeit allzeit bereit!