Eine Tür – zwischen den Zeilen – eine Melodie – zwischen den Noten – betreten verboten – schwarze Schrift auf gelben Grund. Ich will der Schrift auf den Grund gehen. Abtauchen. Hinter abgeschabten Tapeten. Ein Abbruchhaus. Abrissreif. Direkt am Wasser gebaut, schaut es raus auf den Rhein, auf den See. Seh ich raus auf die Schutthaufen, die sich zu meinen Füßen türmen. Türmen. Eine Idee, die sich immer dann aus den bequemen, mollig warmen Windungen meines Gehirns schält, wenn auf dem Bahngleis ein Güterzug einfährt. Leichtfertig losfahren. Ohne Rücksicht auf Ziel, Verschwunden Gesucht werden und Trommelfell. Verschwinden, wie ein vorbeifahrender Zug. Sich auflösen, wie eine Kopfschmerztablette im Wasser. Stehe auf der Dachterasse vor dem Wintergarten und blicke auf das Betonwerk. Great Lakes. Grüne Wolken.
Durch ein zerbrochenes Fenster, von dessen Scherben leise verstummend noch das Klirren ihres Zerbrechens tropft, von dessen Scherben leise verstummend ein kleines Verbrechen tropft. Hausfriedensbruch?
Beginnt mit dem Überschreiten einer Grenze. Beginnt mit dem Überfahren eines Igels. Beginnt mit dem Balancieren auf der Beton-Mauer, die zwei große Länder teilt. Nycomed. Telekom. Beginnt mit Sex auf der Bank im Einkaufszentrum. Beginnt mit der Frage: „Guten Tag, fahren sie Richtung Singen, könnten sie mich ein Stück mitnehmen?“
Irgendwo dort wo Leben aufhört und Erinnerung anfängt, verwischt eine Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit. Was früher selbstverständlich gewesen ist, ist heute einfach nicht mehr wahr.
Meinen Finger entgleitet langsam die rostige Brüstung der Fahrradbrücke, an der Fassade hängend lass ich mich rückwärts auf den Betonhang Richtung Rhein fallen. Die Zuflucht unter der Brücke ist nicht belegt heute Nacht. Auf der schimmligen Matratze liegt ein leeres Heft. Keine beschriebenen Seiten im Poesiealbum, keine Bilder im Black Book, keine eingehefteten Photos, ein Telefonbuch ohne Nummern.
Aus der Leitung, die sich durch wirres Tasten auf meinem Handy öffnet, sprudelt weisses Rauschen.
Hallo? Halloooo? Hallo? Hallo? Hallo? (leiser werdend) Hallo? Hallo? Hallo? (Echo)
Klingeln / Melodie / warme Sonnenstrahlen / ein Zoll-Beamter weckt mich
Erik ruft an / Betrunkene randalieren vor meinem Zimmerfenster / ein Blick auf die Uhr / „Hey, sie da, sie können hier nicht auf der Straße liegen bleiben!“ / eine Durchsage „nächster Halt ihres Zuges, Engen.“ / es ist schon 17 Uhr / eigentlich müssten wir schon längst da sein / ich erkenne die Straße nicht wieder / er wohnt doch davorne, bei dem grünen Haus / Entschuldigen sie, wie komme ich am schnellsten zum Bahnhof? / Hey Erik, na, mas macht die Kunst? / Wie ihr wartet schon auf mich / es wird Nacht / der Wecker fällt laut scheppernd von der Kommode / warten, warten, warten / ein fremdes Bett / achja, Rockenbach / wo bist du? / in Berlin / ich schäle mich aus dem Schlafsack / weisser Sand / ich liege vor einem Stromkasten in Mittenwald kurz vor Österreich / in einer Bahnhofshalle / ja ich komme heute abend kurz vorbei? / eine Geisterstadt an der / hälst du mal eben meine Mantel / griechisch-türkischen Grenze /schon wieder ein Abend im Contrast / an der Sektbar / Heimreise / Zimmerfenster / Fahrstuhl / Treppenhaus / Badezimmer / ich sitze wieder am Tisch / ich glaube wir müssen aussteigen / „Taborweg“ / nur noch ein kleiner Abstecher ins wooloo / 10 Uhr Uni, Eingangshalle / Schischacafe / Balkon / Semesterende / Aufwachen / lautes Glockengeläut / Montag / Silvester / Feuerwerk / ich werfe einen weiteren Blick auf die Karte / eigentlich müssten wir hier sein / seit zwei Stunden ist uns kein Auto mehr entgegen gekommen / Taxi bitte / Pick-up thailändische Sandpiste / Landstraße / schaue von der Spitze des Burgfrieds / Kirchturms / auf den Platz / im Tal liegt ein weiteres Zeltlager / noch ein Stockwerk und ich bin oben / Handyklingeln / Hallo?
Ich falle zurück aus den Seiten des Buchs. Wirklichkeit zieht Bewusstsein an, wie ein Abfluss das Wasser, wenn man den Stöpsel zieht. Zitternd – klamm vor Kälte – fährt mein Finger über ein paar entgleiste Buchstaben: „Ich glaube, Toto, wir sind schon lange nicht mehr in Kansas.“